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Selfpublishing - Fluch oder Segen?

Vor einigen Jahren wurde die deutsche Lesekultur um einen Bereich erweitert, der nachhaltige Veränderungen mit sich bringen wird: Das SELFPUBLISHING.

Selfpublisher

Die bösen Publikumsverlage haben ja alle keine Ahnung und wissen nicht, was GUT ist. Lehnen immer alles ab, wo es doch TAUSENDE wirklich begabte Autoren im deutschen Ländle gibt! Glücklicherweise hat sich ein namhafter amerikanischer Online-Versandhändler dieser Problematik in wahrhaft heroischer Manier angenommen und uns die göttliche Gnade des Selfpublishings zuteil werden lassen. Hurrah!!! Genaugenommen gab es das in Deutschland schon länger, nämlich in Gestalt der Print-on-Demand Anbieter, aber mit seinen lustigen Lesegeräten, die keine Funktion erfüllen, die ein Handheld PC oder ein Smartphone nicht auch gewähren würde, kam "Big A" in Deutschland auf den Markt und nahm für sich in Anspruch, das Lesen neu erfunden zu haben. Und das Verlagsgeschäft auch ganz nebenbei, könnte man meinen.

Dabei ist doch alles so einfach, oder?

  1. Text runterschreiben
  2. Text hochladen
  3. Bild hochladen
  4. Abwarten, bis die Kohle reinkommt

Wobei hier der Punkt 1) den zukünftigen Bestsellerautoren die größten Schwierigkeiten zu machen scheint. Oh, nicht, dass sie so rein gar nichts in die Tastatur hämmern, da kommen jede Menge Wortgebilde zustande. Nur hat in vielen Fällen das Ergebnis der präferenzgesteuerten ejakulativen Schreiborgie nicht viel gemein mit dem, was man selbst unter wohlwollender Betrachtung als "Deutsche Sprache" bezeichnen könnte. Duden? Brauche ich nicht. Thesaurus? Hab ich im Kino gesehen, ist langweilig. Sprachfluss? Stadt-Land-Was? - Dieser Moment, wenn du der Meinung bist, einen Bestseller kreiert zu haben, es sich jedoch herausstellt, dass er das sprachliche Niveau eines Viertklässlers nicht zu übersteigen vermag. Nicht wenige der sogenannten Selfpublischer liefern nämlich, was Erzählkunst und sprachliche Gewandtheit angeht, oft einen derart unterirdisch schlechten Murks ab, dass man davon Ausschlag bekommt. Weist man den betreffenden Schöpfer des grandiosen Werkes dann auf seine Versäumnisse in Orthografie oder Grammatik hin, kommen Antworten wie: Was stört dich meine Rechtschreibung? Bist du ein Grammatiknazi? Mann, auf den Inhalt kommt es an! - Richtig, der INHALT! Darauf kommt es an...

Selfpublishing ist die Zauberformel, auf die wir schon ewig gewartet haben. Schluss mit simplen Krimis, Thrillern, Fantasy- und SciFi-Büchern! Jetzt erblüht die Literaturlandschaft Deutschland in neuer Schönheit und Vielfalt! Wir erleben die - quasi vom bösen Mainstream völlig unbemerkte - Entstehung absolut neuer Genres wie Romantacy (?), Gay Romance Fantasy, oder Gay Military Thriller. Glaubste nicht? Ha!

gaymilitarythriller

Natürlich. Sex Sales! Also, unbedingt schreiben: Gay Erotik, Erotik Psychothriller, Erotik Fantasy, Erotik Gay SciFi und Erotik-Thriller mit autobiografischem Hintergrund und Aufarbeitung autorenseitiger Konditionierungen und Traumata. Jede noch so abgedroschen klischeehafte Feucht(t)raumfantasie wird in die Tastatur gehackt und gnadenlos veröffentlicht. Noch ein paar Titten auf das 50-Shades-Gedächtnis-Cover, und ab geht es für den Preis von einem Glas eingemachten Spreewaldgurken auf den Erotik-Genre-Markt (Früher hieß das übrigens Porno).

erotikthriller

Es lohnt sich tatsächlich - zumindest aus unterhaltungstechnischer Sicht - beim amerikanischen Datengroßhandel mal diese Funktion "ein Blick ins Buch" zu benutzen. Was man dort zu sehen bekommt, ist zum Schreien komisch. Oder zum Heulen. Je nach dem, wie stressresistent man ist. Hier ein weiteres Beispiel eines angeblichen "Amazon Allstar Autors", der es immerhin auf Platz 19 geschafft hat in der Rubrik: Kindle-Shop > eBooks > Belletristik > Populäre Belletristik > Schwul & Lesbisch > Lesbisch

lesbisch

Wenn der Autor seinen (ihren) literarisch hochwertigen Gay / Fantasy / Romance MILF-Content schlussendlich hochgeladen und der Suchbot keine § 130-Phrasen gefunden hat, ist das Werk online fast ohne jede Einschränkung verfügbar und wird, um in der "Verkaufsstatistik" ganz nach oben zu kommen, erstmal verschenkt. Dann kommen Freunde und Verwandte sowie Facebookallesliker und hinterlassen nach dem Gratis-Download ihre zweizeilige Fünf-Sterne ... ähem ... Rezension, so dass der Schnitt auf 5.0 Sterne steht bei sieben bis neunzehn Bewertungen (je nach dem, wie intensiv im social web um Bewertungen gebettelt wurde).

Und dann die WERBUNG. Wer nicht wirbt, der stirbt! Sicher, Grafikverbrechen sind nicht strafbar, sollten sie aber sein. Manche "Autoren" gehen in der maßlosen Überschätzung ihrer gestalterischen Fähigkeiten so weit, sich die Ansicht zu eigen zu machen, dass "Don't judge a book by its cover" eine Gesetzmäßigkeit sei, die weltweit allgemeine Gültigkeit besitzt und nicht ein frommer Wunsch ist, welcher bestenfalls als geflügeltes Wort taugt. Diese Grafik-Kriminellen verschandeln ohnehin schon furchtbare Cover in ihren Werbepräsentationen derart zusätzlich, dass man nicht einmal mehr erkennt, worum es eigentlich geht. Ihnen sei gesagt: Photo Impact oder Irfan View sind KEINE! nützlichen Grafikprogramme... Exemplarisch zeigen wir hier einen Screenshot aus einer x-beliebigen der gefühlt eine Million Facebook-Bücherwerbegruppen, die fast ausschließlich von Selfpublishern frequentiert werden oder von Leuten, die auf DKZV hereingefallen sind und nun Klinken putzen, um Likes betteln oder ihre eigenen Postings einfach selbst liken, wie hier im Falle von Gretel P.:

Cover Verbrechen

Es gibt Leute, die machen in Facebook-Büchergruppen Werbung für das, was sie so zu Werke gebracht haben. Und dann gibt es andere, die scheißen das Script förmlich zu mit Spam, weil sie meinen, die ganze Welt muss in dutzenden(!) Gruppen in stündlichem Abstand erfahren, was für ein geniales Bestseller-Werk man bei Big A rausgehauen hat. Das nervt nicht nur, es ist schlicht und ergreifend belästigend. Bei dem Beispiel, das wir hier rausgesucht haben (Bild unten, eines unter vielen !) ist es besonders schlimm. Die Autorin hat offensichtlich seit mehr als einem Jahr nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag mit cut&paste ihre frohe Botschaft zu verkünden. Gnadenlos spamt die Frau jede andere Offerte nieder mit Blitzkriegpostings, die mehr Hashtags beinhalten als die Datenbanken von Twitter. Und ihr 114 Seiten- Taschenbuch kostet doch NUR 8,99...

Morgenland Spam

Ganz wichtig natürlich für jeden Selfpublisher: Die eigene Homepäitsch! Am besten ein kostenloses Autorenblog, damit man die Fangemeinde jederzeit über die geistigen Höhenflüge auf dem Laufenden halten kann, so wie zum Beispiel diese hier aus der Rubrik: Domains - unvergessen, unverkäuflich. Das Beispiel einer URL, das man sich spielend merken kann: http://autorenrose-der-gefuehle333.over-blog.com - Professionelles Screendesign, hohe Funktionalität und ansprechende Contents in poetischer, fehlerfreier Akzentuierung... Da lacht das Verlegerherz...

Autorenhomepage

Wir erleben im Zuge des Selfpublisherbooms eine deutliche Verflachung zum Beispiel im Bereich Belletristik, aber auch der Sachbuchbereich wird SP-infiziert, von der förmlichen Vergewaltigung der Deutschen Sprache schweigen wir aus Gründen der Pietät wohl besser...

Da schreiben Betroffene dann in quasi-therapeutischen Sitzungen die Geschichte ihres Dachschadens herunter oder lassen uns wortreich und rührselig daran teilhaben, wie sie ihren Krebs besiegten. Außerdem spült die digitale Flut jede Menge selbstverfasster Finanzratgeber an die Kindle-Küsten der Leserschaft, verfasst von Leuten, die so erfolgereich sind, dass sie genug Tagesfreizeit besitzen, ihre hilfreichen Elaborate in Facebook-Gruppen täglich mehrfach wie Sauerbier anzupreisen.

Im Unterhaltungssektor finden wir vermehrt gelangweilte Hausfrauen, die im kombinierten Schmerzmittel-Rotweinrausch dann Geschichtchen herunterschreiben, die sie in Ermangelung von Zuordnungsmerkmalen ihrer surrealen Erotikwerke als "Fantasyroman" deklarieren. Jeder ordentliche Fantasyautor kriegt dabei das Gruseln, somit wären diese herausragenden Werke der fantastischen Literatur dann wohl besser im Genre HORROR verortet. Und während Muddi in der Küche im vierten Jahr am Laptop ihren Bestseller über verbotene Liebe im Elfenland schreibt, sitzt Vaddi mit dem Kindle im Bad und ergötzt sich im Autoerotikmarathon an Gay-Romance-Literatur.

Im Grunde wird es der Literatur ergehen wie dem Fernsehen oder dem Internet. Weichgekocht, leicht verdaulich, ohne Gehirn nutzbar. Schöne neue Welt...

Alle Bilder: Screenshots öffentlich einsehbarer Facebookseiten / -gruppen



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